Das Münster und Kehl

Wie ein begehbarer Fachartikel: Ausstellung zur Münsterbauhütte und Kehl eröffnet

Wer über den Marktplatz schlendert, findet dort seit Donnerstagmorgen (8. Oktober) nicht nur Gelegenheit zum Verweilen, sondern auch ein Stück Kehler Geschichte. Auf zwei beidseitig beschrifteten Tafeln wird über ein wenig bekanntes Kapitel informiert: die Beteiligung der Kehlerinnen und Kehler am Münsterbau in Straßburg. Die Geschichte setzt sich auf leuchtenden Kuben im City-Center sowie auf Leuchtstelen in Einzelhandelsgeschäften fort. Zusammen bilden sie das Herzstück der Ausstellung „800 Jahre: Die Münsterbauhütte und Kehl – eine rheinübergreifende Geschichte“, die am Donnerstagabend im Kultur-Café eröffnet wurde.

Leuchtende Kuben und Stelen informieren bis zum 22. Januar über ein wenig bekanntes Kapitel der Kehler Geschichte: die Beteiligung am Münsterbau in Straßburg.
Oberbürgermeister Wolfram Britz (Zweiter von links) zusammen mit den Sponsoren und Beteiligten der Ausstellung, darunter die Kunsthistorikerin der Münsterbauhütte, Dr. Sabine Bengel (vorne, Vierte von links), Historiker und Autor Dr. Stefan Woltersdorff (rechts), Wirtschaftsförderer Christoph Hodapp (Dritter von links) und dem Stiftungsdirektor Éric Fischer (Fünfter von links).

Oberbürgermeister Wolfram Britz verwies in seiner Begrüßung auf die historisch enge Verbindung zwischen Straßburg und Kehl. Ein Rückblick in die Geschichte offenbare immer wieder überraschende Berührungspunkte. So auch beim Blick in die rund 800-jährige Historie der Straßburger Münsterbauhütte. Ein genaues Gründungsdatum ist nämlich nicht bekannt, wie die Kunsthistorikerin der Münsterbauhütte (Fondation de l’Œuvre de Notre-Dame Strasbourg) Dr. Sabine Bengel im Anschluss ausführte. Die Jubiläumszahl stützt sich auf die erste handschriftliche Erwähnung der Münsterbauhütte zwischen 1224 und 1228.

Mehr als 300 Jahre lang, das erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer vom Historiker und Autor der Ausstellung Dr. Stefan Woltersdorff, verwaltete die Münsterbauhütte Kehl in der Rolle einer Art Obergeneraldirektor. Als solche konnte sie beispielsweise Steuern erheben, die anschließend zur Finanzierung des Aus- und Weiterbaus des Straßburger Münsters eingesetzt wurden. Auch hält der Historiker es für möglich, dass Handwerker und Fuhrunternehmen aus Kehl für den Münsterbau beauftragt wurden.

Informationen wie diese finden sich auf den insgesamt 32 Tafeln, verteilt auf acht Standorte in der Kehler Innenstadt. Dr. Stefan Woltersdorff sprach in diesem Zusammenhang scherzhaft von einem „begehbaren Fachartikel“. Zwar folgen die Ausstellungstafeln einer Chronologie, sie können jedoch auch „quergelesen werden“, wie der Autor betonte. Die Dezentralität ist dabei nur eines von drei Prinzipien, auf denen das Ausstellungskonzept fußt. Sie ist zudem rheinübergreifend und ergänzt die Jubiläumsausstellung „Bauen, bewahren, weitergeben – 800 Jahre Straßburger Münsterbauhütte“, die vom 16. Oktober bis 11. April 2027 im Museum Œuvre Notre-Dame in der französischen Nachbarstadt gezeigt wird. Die Texte auf den Ausstellungstafeln in der Kehler Innenstadt sind allesamt auf Deutsch und Französisch verfasst. Die Zweisprachigkeit ist ebenfalls Teil des Konzepts und reflektiert die rheinübergreifende Identität der beiden Nachbarstädte.

Die Ausstellungstafeln, -stelen und -kuben können bis zum 22. Januar 2027 in Augenschein genommen werden. „Ich wünsche interessante Erkenntnisse beim Begehen dieser Ausstellung“, sagte Oberbürgermeister Wolfram Britz und dankte den Beteiligten sowie den Sponsoren für deren Mitwirken.

Warum das Straßburger Münster auch ein bisschen zu Kehl gehört

Dass der Garten der zwei Ufer, die Passerelle des deux Rives und die Tramlinie D grenzüberschreitende Leuchtturmprojekte sind, ist gemeinhin bekannt. Dass aber auch Bau und Unterhaltung des Straßburger Münsters bereits Projekte rheinüberschreitender Zusammenarbeit waren, zeigt vom 8. Oktober bis zum 22. Januar die Ausstellung „800 Jahre: Die Münsterbauhütte und Kehl – eine rheinübergreifende Geschichte“ in der Innenstadt. Weil ein nicht unerheblicher Teil Kehls damals zum Gebiet der Münsterbauhütte gehörte, haben zwangsläufig auch Kehlerinnen und Kehler mit ihren Abgaben zur Finanzierung der Baustellen am Münster beigetragen. Und auch das Kehler Stadtwappen hat mit der Münsterbauhütte zu tun. (mit Video und Podcast)

Ein Blick in die Werkstatt der Bildhauer und Steinmetze der Münsterbauhütte.

Lichtdurchflutete Räume, Grünpflanzen, historische Steine: Die Münsterbauhütte am Place du Château, La Fondation de l‘Œuvre de Notre-Dame de Strasbourg, wie die Einrichtung auf Französisch heißt, ist ein ganz besonderer Arbeitsplatz: Steinmetzinnen und Steinmetze sorgen hier zusammen mit Bildhauerinnen und Bildhauern auf zweierlei Art dafür, dass die abertausend Figuren, Reliefs, Ornamente, Balustraden oder Geländer, welche das Münster schmücken, erhalten bleiben. In millimetergenauer Kleinarbeit restaurieren sie die steinernen Schmuckstücke oder fertigen exakte Kopien an, die dann die Originale an den Fassaden ersetzen, die unter den Witterungsbedingungen oder durch die Luftverschmutzung Schaden genommen haben. Die Münsterbauhütte ist die einzige noch existierende in ganz Frankreich. Ihre Bedeutung unterstreicht auch der Umstand, dass das Bauhüttenwesen 2020 ins immaterielle UNESCO Kulturerbe aufgenommen wurde.

In filigraner Kleinarbeit werden von Schmuckelementen des Münsters, die von der Witterung oder durch die Luftverschmutzung Schaden genommen haben, exakte Kopien angefertigt.

Als die Münsterbauhütte zu Beginn des 13. Jahrhunderts, circa 1226, gegründet wurde, war das Münster noch im Bau. Der 142 Meter hohe Turm wurde erst 1439 fertiggestellt und machte die Kathedrale damals zum höchsten Bauwerk des Abendlands. Doch auch danach und bis heute war und ist das Münster eine ständige Baustelle. Portale und Kapellen wurden weiter ausgebaut; Zerstörungen durch Stürme oder Blitzeinschläge machten immer wieder größere Interventionen nötig.
Als wichtigster Herrschaftsträger (Bannherr) und bedeutende Grundbesitzerin prägte die Münsterbauhütte die politische, wirtschaftliche, religiöse und rechtliche Entwicklung Kehls über drei Jahrhunderte hinweg – von 1491 bis 1802 – entscheidend mit. Über diese lange Zeitspanne trugen Kehlerinnen und Kehler mit ihren Steuern, Abgaben, Pachtzinsen und Arbeitsdiensten zur Deckung der Bau- und Unterhaltungskosten der Kathedrale bei. Sogar mit Schenkungen unterstützten Einwohnerinnen und Einwohner des rechtsrheinischen Gebiets die Münsterbauhütte. Noch heute ziert das Wappen der Münsterbauhütte den Giebel des Kehler Rathauses.

In den 1780er-Jahren hat die Münsterbauhütte ihren größten Besitz in Kehl kartografieren lassen. 

Wie die Münsterbauhütte den Alltag in Kehl beeinflusste und beispielsweise bestimmte, dass vor dem Gottesdienst kein Alkohol ausgeschenkt werden und die Übernachtung von Unverheirateten in einem Zimmer nicht geduldet werden durfte, wird auf den 32 Ausstellungstafeln dargestellt. Wer sich auf einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt begibt, erfährt darüber hinaus, wie Kehl durch die Zugehörigkeit zur Münsterbauhütte protestantisch wurde. Wichtigster Grundbesitz der Münsterbauhütte war der bei Sundheim gelegene Gutshof Niederweiler oder Nieder Weyher, den sie 1534 erwarb. Auch mehrere Kriege veränderten die Hoheits- und Eigentumsrechte der Münsterbauhütte in Kehl nicht. Erst nach der französischen Revolution verlor die Münsterbauhütte ihre Besitztümer in Kehl.

Das Hofgut Niederweiler oder Nieder Weyher in Kehl, das die Münsterbauhütte 1534 erwarb.

Wer sich für die Arbeit der Münsterbauhütte interessiert, kann diese auch besuchen: https://www.oeuvre-notre-dame.org/page/visite-ateliers/

Im Video: Zu Besuch bei der Münsterbauhütte in Straßburg







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Zum Nachhören im Infocast (ab Minute 03:24)