Grün in der Stadt
Stadtspaziergang: Gute Gespräche über Stadtbäume, Friedhöfe, Blumenkübel und Klimawandel
Warum es Stadtbäume schwer haben, wie moderne Telekommunikation Grünräume in der Innenstadt verhindert und warum Veränderungen in der Stadt oft solange dauern: Das waren nur drei der vielfältigen Themen, die am Samstagvormittag beim Stadtspaziergang mit Oberbürgermeister Wolfram Britz und Beigeordnetem Thomas Wuttke besprochen wurden. Den fachlichen Input lieferten Lara List (Grünplanung) und Marcel Hopp (Grünpflege) vom städtischen Betriebshof. Diskutiert wurde auch darüber, wie Friedhöfe stärker zu Parks entwickelt werden könnten, ob es zu viele oder zu wenige Sitzbänke gibt und was der städtische Betriebshof leisten kann. Trotz des stürmischen und regnerischen Wetters waren alle 22 angemeldeten Kehlerinnen und Kehler zum Stadtspaziergang gekommen.
Kriegsgräberstätte und Friedhöfe
Die Friedhöfe waren gleich am Treffpunkt zum Stadtspaziergang – am Eingang zur Kriegsgräberstätte – Thema. Oberbürgermeister Wolfram Britz und Marcel Hopp erinnerten daran, dass 2023 die Hecken am Zugang entfernt wurden, um die großzügige Anlage zu öffnen und wieder an die Stadt heranzuholen. Damit sei nicht nur ein Wunsch der Mitglieder der Zeitzeugen-Arbeitsgemeinschaft des Einstein-Gymnasiums, mit der die Stadt die Kriegsgräberstätte seit Jahren umgestaltet, erfüllt, sondern auch erreicht worden, dass die Zahl der Partys und damit das Müllaufkommen deutlich zurückging, berichtete Marcel Hopp.
Er nutze die Gelegenheit, um die verschiedenen Anforderungen an die Grünpflege darzustellen: Gerade weil das Gras um die Grabfelder mit den flachen Grabsteinen alle drei Wochen gemäht werden müsse, lasse man rechts und links des Zugangs Langgraswiesen stehen. Diese würden in der Sommerhitze manchmal braun, „und sehen dann nicht so schön aus“, erklärte Marcel Hopp, haben aber eine hohe ökologische Bedeutung und seien ein Tummelplatz für Insekten. Gemäht werden müssen Langgraswiesen nur zweimal pro Jahr.
Um die Anlage mit ihrem Baumbestand und ihrer Ruhe zum Innehalten nutzen zu können, fehlten Bänke, regten Teilnehmende am Stadtspaziergang an, so wie es sie auf dem Kernstadtfriedhof gebe, dessen parkähnlicher Charakter gelobt wurde. Während Marcel Hopp und Lara List den Vorschlag prüfen wollen, fände es ein anderer Teilnehmer besser, die Zahl der Bänke in den Grünanlagen so zu reduzieren, dass diese auch gepflegt werden könnten. Manche Bänke seien in einem Zustand, dass man sich dort nicht mehr setzen wolle.
Friedhofskonzept
Gleich mehrere Teilnehmende merkten an, dass die brachliegenden Flächen auf den Friedhöfen zunehmen. Durch die neuen Bestattungsformen, nicht nur in Urnen- statt Wahlgräbern, sondern auch durch Baumbestattungen, „haben wir auf und mit unseren neun Friedhöfen viel zu viel Fläche“, nahm OB Britz das Thema auf: „Wir könnten heute theoretisch alle Verstorbenen auf dem Kernfriedhof unterbringen.“ Deshalb arbeite die Stadt derzeit an einem Friedhofskonzept. Eine Umgestaltung, dämpfte er die Hoffnungen auf eine schnelle Lösung, brauche in diesen sensiblen Bereichen jedoch viel Zeit: „Wir müssen hier in Generationen denken.“ Eine Teilnehmerin schlug vor, eine Fläche für Tierbestattungen zu nutzen; ein solches Angebot fehle in Kehl. Andere sprachen sich dafür aus, Wiesen für Insekten anzulegen.
Blumenkübel
Blumenkübel, da war man sich in der Gruppe schnell einig, haben keine Auswirkung aufs Stadtklima: Sie tragen entweder zur Verkehrsberuhigung bei – wie in der Pfarrgasse - oder sind ein Gestaltungselement – wie am Neubau des Gemeindezentrums bei der Christuskirche. In jedem Fall ist der Unterhaltungsaufwand hoch, wie Marcel Hopp erklärte: „Blumenkübel müssen wir dreimal pro Woche gießen, Staudenbeete nur einmal.“ Während die Pflanzgefäße aus Holz einen Teil des Gießwassers wieder verlieren, haben die aus Stahl den Nachteil, dass sie sich im Sommer stark erhitzen und die Wurzeln darin regelrecht kochen. Deshalb sollen Blumenkübel künftig nur noch dort erhalten werden, wo sie eine Bedeutung für den Verkehr haben.
Bäume versus Versorgungsleitung
Dass es Stadtbäume schwer haben, zeigte sich den Stadtspaziergängerinnen und -gängern in der Oberländer- und der Schulstraße: Bäume, die in der Oberländerstraße vor vier bis sechs Jahren gepflanzt wurden, haben kaum an Stammumfang zugelegt, weil ihre Baumscheiben zu klein sind. Zwei Baumstandorte wurde deshalb bereits zu Staudenbeeten umgewandelt. Der Grund: Die große Zahl an Versorgungsleitungen, die in den Straßen liegt: Wasser- und Abwasserkanäle, Strom- und Telekommunikationsleitungen, Glasfaser, zählte Thomas Wuttke auf. „Wir können da nirgends mit dem Bagger ran“, verdeutlichte Marcel Hopp; schon beim Anlegen von Staudenbeeten müsse man wegen der Leitungen aufpassen, ergänzte Lara List. Eine Lösung für das Problem gibt es derzeit nicht: „Man müsste die Straßen breiter machen“, erklärte Thomas Wuttke – in der bebauten Innenstadt ist das keine Option. Wenn in der Schulstraße Bäume in ihren zu engen Baumquartieren absterben, kann der Betriebshof die Baumstümpfe nicht ausgraben, ohne das Risiko einzugehen, dass eine Leitung beschädigt wird. „Wir fräsen sie nur noch ab“, sagte Marcel Hopp und verwies auf eine Baumscheibe, wo der nachgepflanzte Strauch von Unbekannten einfach herausgerissen wurde.
Marktplatz
Unter welchen Bedingungen sich Bäume gut entwickeln, zeigten Marcel Hopp und Lara List auf dem Marktplatz: Dort wurden vor drei Jahren zwei rotblühende Kastanien gepflanzt, die ihren Stammdurchmesser in dieser Zeit schon fast verdoppelt haben. Für sie wurde jeweils eine zwei Meter tiefe Pflanzgrube ausgehoben und mit zwölf bis 15 Kubikmeter Substrat gefüllt. Die Baumscheiben wurden mit Stauden bepflanzt, die nicht nur hübsch aussehen, sondern den Boden kühlen und vor dem Austrocknen schützen.
Gerade in der Fußgängerzone wünschten sich einige der Teilnehmenden auch wieder Blumenschmuck als Gestaltungselement. Hier machte Wirtschaftsförderer Christoph Hodapp Hoffnung: Einzelhändler hätten sich bereit erklärt, sich um die Blumenampeln zu kümmern und sie zu gießen, wenn diese wieder an den Straßenlaternen aufgehängt würden. Der Betriebshof kann den „immensen Gießaufwand“ bei zunehmender Hitze nicht leisten.
Fassadenbegrünung
Wenn schon für Bäume in den engen Innenstadtstraßen so wenig Raum sei, könne man doch wenigstens Fassaden begrünen, schlugen gleich mehrere der Teilnehmenden am Stadtspaziergang vor – und regten an, am neuen Verwaltungsgebäude im Rathausareal damit zu beginnen. Vorgehängte Fassadenbegrünung sei heute ob der Kosten noch ein Luxus, antwortete Thomas Wuttke. Außerdem, und das gelte auch beim Verwaltungsneubau, stünden hier oft die Brandschutzbestimmungen entgegen.
Rosengarten
Wie Pflanzen und Blumen in einem idealen Umfeld aussehen, zeigte sich der Gruppe im Rosengarten: Selbst Ende Oktober blühen beispielsweise die Astern dort noch in voller Pracht, während sie in den Blumenkübeln in der Pfarrgasse längst verdorrt sind. Dass sich die Mischung aus Rosen und Staudenpflanzen so gut entwickelt hat, „macht uns glücklich“, freut sich Lara List. Denn so manches müssen die Gärtner in Zeiten des Klimawandels ausprobieren: „Wir experimentieren viel“, sagten Marcel Hopp und Lara List. In diesen Tagen werden sechs neue Eichenarten aus Südfrankreich beim Betriebshof eintreffen – in der Hoffnung, dass diese mit der zunehmenden Sommerhitze besser zurechtkommen, als einheimische Arten.




